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Ehrenwertes Gericht,

Dem, was meine und Rigos  Anwälte hier vorgetragen haben, kann ich mich nur anschließen,  möchte aber diese Möglichkeit nutzen, um noch ein paar eigene Worte zu sagen.

Als erstes möchte ich mich bei all denjenigen bedanken, die mich und Rigo unterstützt haben. Die uns Briefe geschrieben haben, mit ihren Gedanken und Herzen bei uns waren, die auf diesen Fall aufmerksam gemacht haben und sich für uns eingesetzt haben.

In der Anfangszeit im Gefängnis war diese Unterstützung eine große Hilfe für mich, um diese Zeit zu überstehen und fest daran zu glauben, dass sich alles schnell aufklären und gutgehen wird. Aber nach 5-6 Monaten, wo ich immer wieder die Hoffnung hatte, dass wir endlich nach Hause gelassen werden müssten, haben mir selbst die vielen Briefe nicht mehr geholfen. Ich hatte das Gefühl, dass es egal ist, was ich mache, was die Rechtsanwälte vor Gericht alles ans Licht bringen und wie viele objektive entlastende Beweise es gibt. Ich hatte das Gefühl, als ob es egal ist, ob wir schuldig oder unschuldig sind und dass wir ganz einfach zu Schuldigen gemacht werden.

Ich habe mich immer mehr wie ein Bauernopfer gefühlt. Ein Bauernopfer für die Berliner Polizei und Staatsanwaltschaft, die nach den schweren Ausschreitungen beim diesjährigen ersten Mai Ermittlungserfolge oder besser gesagt Schuldige präsentieren musste und wollte. Egal ob es die Richtigen trifft oder nicht.

Was mich an diesem Prozess so erschrocken hat ist, dass ich zwangsläufig feststellen musste, dass die Aussage eines Polizisten sehr viel mehr wiegt als die eines anderen Zeugen und wie viel an objektiven Beweisen und Zeugenaussagen nötig ist, um sich gegen eine solche, immer subjektive, Aussage zu wehren.  Es ist erschreckend und alles Andere als vertrauenserweckend, wenn selbst viele Aussagen von unabhängigen Zeugen, die einander bestätigen, anscheinend eine noch so widersprüchliche Aussage eines Polizisten nicht entkräften können.

Versuchen Sie sich einen Augenblick lang vorzustellen, wie sich das anfühlt, monatelang unschuldig im Gefängniss zu sitzen mit der Beschuldigung, einen Brandsatz auf einen Menschen geworfen zu haben mit der Absicht ihn zu töten. Ich glaube, dass Sie das nicht können.  Für uns war das kein Augenblick,  sondern 7 ½ Monate.  Jeden Tag mit der Angst, dass daraus Jahre werden könnten.

Durch dieses Verfahren habe ich und ich denke auch, dass ich damit nicht alleine bin, mein Vertrauen in die Polizei und die ermittelnden Behörden verloren. Diese Behörde hat in unserem Fall absolut fahrlässig, tendenziös und einseitig ermittelt, obwohl man es hier immerhin mit einer Mordanklage zu tun hatte.

Meiner Meinung nach bestand überhaupt kein Interesse daran, Entlastungsmaterial zu Tage zu fördern, sondern im Gegenteil wurde trotz Ungereimtheiten und offenen Fragen, alles daran gesetzt uns nach Möglichkeit für Jahre wegzusperren. Seitens der Anklage waren die widersprüchlichen Aussagen von zwei Polizisten ausreichend. Und obwohl von Anfang an alle objektiven Beweise für unsere Unschuld gesprochen haben, hielt die Anklage es nicht für nötig, auch in andere Richtungen zu ermitteln. Das so etwas überhaupt möglich ist, ist gefährlich, da es einfach  jeden treffen kann.

Meiner Meinung nach ist dies  kein Einzelfall, sondern Gang und Gebe bei der Berliner Polizei , wenn es sich um Demonstrationen handelt. Hauptsache man kann "Schuldige" präsentieren. 

Es ist erschreckend, wie schnell und einfach man zu Unrecht im Gefängnis landen kann und ich frage mich, in wie vielen Fällen Unschuldige bestraft wurden und allein  die Aussage eines Polizisten für eine Verurteilung ausgereicht hat.

Rigo und ich hatten Glück, dass es Fotos und Videos gab, die uns entlasteten und vor allem aber auch Menschen, die das Geschehen beobachtet haben und ihre Beobachtung couragiert vor Gericht geschildert haben.  Dafür bin ich sehr dankbar. Ich frage mich einfach, wie soll sich ein  Beschuldigter, der nicht so viel "Glück" wie Rigo und ich hat, gegen die, meiner Meinung nach, Falschaussage eines Polizisten wehren.

Die Haft habe ich als sinnlos empfunden. Menschen und vor allem Jugendliche für Jahre wegzusperren bringt nichts. Diesen jungen Menschen werden die besten Jahre ihres Lebens genommen. Natürlich steht außer Frage, dass einige wirklich schwere Verbrechen begangen haben und das man mit diesen Menschen arbeiten und ihnen helfen muss. Aber ich habe dort die Erfahrung gemacht, dass eine "Erziehung" dort kaum stattfindet, sondern viele einfach nur in ihrer Zelle versauern. Autorität, Isolation und ein stupider Tagesablauf bringen niemanden weiter, sondern im Gegenteil macht es einen Menschen hart, verschlossen,  abgestumpft,  perspektivlos und hoffnungslos!!!

Selbst einige Wärter, vor allem die, die schon lange dort arbeiteten, haben mir gesagt, dass die Verhältnisse immer schlechter werden und immer mehr Jungs resignieren, weil sie viel zu lange in ihren Zellen eingeschlossen sind. Ich selbst habe auch erlebt wie einige versucht haben, sich das Leben zu nehmen bzw. sich schwer zu verletzen, um dieser Isolation zu entgehen.

Es gibt dort aber auch einige sehr engagierte Mitarbeiter, wie z.B die Anstaltsgeistlichen, die Psychologin der Sota Frau Dr. Loth und einige Sozialarbeiter und Wärter, die die Jugendlichen nicht wie Dreck behandeln und sie einfach wegschließen, sondern an das Gute im Menschen glauben und versuchen den Jungs zu helfen.

Nachdem ich hier erlebt habe ist, wie fahrlässig gearbeitet wurde und die Schuld dafür von einem zum Anderen geschoben wurde, um die Verantwortung loszuwerden,  habe ich das Vertrauen verloren, dass ich von meinem Recht, meine Meinung zu äußern und friedlich zu demonstrieren, Gebrauch machen kann, ohne Angst haben zu müssen.

Mit einer Entschuldigung von den Ermittelnden Beamten sowie der Staatsanwaltschaft, können wir denke ich, leider nicht rechnen, obwohl es offensichtlich ist, dass hier die Falschen angeklagt sind und versucht wurde, an uns ein Exempel zu statuieren.

Unsere Rechtsanwälte, meine Freunde und meine Familie sagen mir, dass wir freigesprochen werden, aber nach dem was hier in diesem Verfahren alles passiert ist, habe ich trotzdem Angst,  und  ich hoffe das  Sie, das Gericht, diesem Alptraum endlich ein Ende machen werden und Rigo und mich freisprechen.

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 DER HAFTBEFEHL GEGEN YUNUS UND RIGO WURDE AM 17.12. AUFGEHOBEN!  

Der Unterstützerkreis dankt allen, die sich für Yunus und Rigo engagiert haben - den Verteidigern, den Schülerinnen und Schülern, den Lehrerinnen und Lehrern, den vielen Bürgerinnen und Bürgern aus allen Altersschichten.  

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  DISKUSSION "Ende gut. Alles gut?" Reflexionen über eine Prozess-Farce 

Waldorfschule Mitte, 30.01.2010 um 19:00 Uhr 

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 POLITISCHE PROZESSE

In Berliner Gerichten häufen sich Prozesse, die kontrovers diskutiert werden. [mehr]

 

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