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Berliner Zeitung, 02.09.2009

Versuchter Mord oder Verwechslung?

Zwei Schüler sollen am 1. Mai einen Brandsatz auf Polizisten geworfen haben - sie bestreiten das

von Sabine Deckwerth

Es soll sich um eine Verwechslung handeln. Sagen die Angeklagten. Denn eigentlich wollten sie an jenem Abend des 1. Mai 2009 nur zum Bankautomaten. Vor der Sparkasse nahe dem Kottbusser Tor in Kreuzberg wurden Yunus K. aus Tempelhof und Rigo B. aus Zehlendorf, 19 und 17 Jahre alt, von zwei Polizisten festgenommen. Sie sind die Ersten, die jemals nach Mai-Krawallen wegen versuchten Mordes angeklagt wurden. Gestern begann der Prozess vor einer Jugendkammer des Landgerichts.

Die Ausschreitungen am vergangenen 1. Mai waren so heftig wie seit einigen Jahren nicht mehr. Am Kottbusser Tor hatten rund 700 Randalierer die Polizei mit Flaschen und Steinen angegriffen. Auch Brandsätze flogen. In der gestern verlesenen Anklage heißt es, die Schüler hätten versucht, "mit gemeingefährlichen Mitteln einen Menschen zu töten". Die zwei Jugendlichen sitzen seit vier Monaten in Untersuchungshaft. Yunus K. hat im Gefängnis seine Abiturprüfungen gemacht. Am Abend des 1. Mai gegen 21.45 Uhr sollen beide am Kottbusser Tor gewesen sein. Dort wurde eine Glasflasche mit einer brennbaren Flüssigkeit gefüllt und ein Lappen hineingestopft, der oben tropfend heraushing. Yunus K. soll den Molotowcocktail entzündet, Rigo B. ihn in Richtung der etwa 20 Meter entfernt stehen Polizisten geworfen haben. Im Flug tropfte brennende Flüssigkeit auf den Rücken einer unbeteiligten jungen Frau, die zwei handflächengroße Verbrennungen erlitt und ins Krankenhaus musste. Passanten hatten sich auf sie geworfen, um ihre brennende Kleidung zu löschen. Das Geschoss schlug schließlich vor den Polizisten auf, verletzte aber niemanden mehr. Die Angeklagten hätten den Tod von einem oder mehreren Beamten in Kauf genommen, steht in der Anklageschrift.

Der Prozess dürfte spannend werden: Vor allem stellt sich die Frage, ob die Beweise gegen die beiden Schüler ausreichen. Videoaufnahmen gibt es nicht, lediglich Zeugenaussagen, insbesondere von Polizisten. Es gehe in dem Verfahren nicht um die Höhe eines Strafmaßes, sagt K.s Verteidigerin Christina Clemm. "Es geht uns einzig und allein um einen Freispruch." Denn aus ihrer Sicht hat die Staatsanwaltschaft "einseitig und fahrlässig ermittelt" und sich "auf die beiden eingeschossen". Es gebe Zeugen, die die Schüler zum Zeitpunkt der Tat woanders gesehen hätten, sagt die Anwältin. Außerdem würden bestimmte Fotos "uns noch sehr beschäftigen".

Bei diesen Fotos handelt es sich um Aufnahmen, die Passanten mit einer Digitalkamera machten und zur Polizei brachten. Die Fotos sollen eine Gruppe von Jugendlichen zeigen, die etwas warfen. Einer von ihnen trug ein weißes T-Shirt und ein schwarzes Basecap wie auch der Angeklagte Rigo B. an jenem Abend. Aber es sei nicht Rigo B. gewesen, weil B.s Basecap ein ganz anderes, helleres Emblem hatte als das des Jungen auf dem Foto, sagen die Verteidiger.

B.s Anwältin Ulrike Zecher hat wegen der Fotos gestern gefordert, den Staatsanwalt in dem Verfahren abzulösen. Er habe den Fotos keine Bedeutung beigemessen und versucht, entlastende Beweismittel zu unterdrücken, sagt sie. Er habe damit "die hohe Wahrscheinlichkeit einer Verwechslung ausschließen" wollen, weil er "aus politischen Gründen eine Verurteilung anstrebt, selbst um den Preis, einen Unschuldigen vor Gericht zu bringen". Der Staatsanwalt nennt den Vorwurf "unverfroren". Die Jugendlichen auf den Fotos, die nicht bekannt sind, hätten wenige Minuten vorher einen anderen Molotowcocktail geworfen, der niemanden traf, sagt er. Mit den Angeklagten hätten diese Bilder nichts zu tun.

Yunus K. und Rigo B. sind schon seit Jahren befreundet. An jenem Abend, so erzählen sie, hätten sie an einer Demonstration teilnehmen wollen und seien dann dem Zug hinterhergelaufen, um nicht in Rangeleien verwickelt zu werden. Sie hätten sich Bier gekauft, unterwegs mit Freunden geredet und schließlich Geld gebraucht, um etwas zu essen. Kurz vor der Sparkasse hätten ihn plötzlich Polizisten "von hinten gepackt", sagt Yunus K. "Ich hatte erst mal einen Schock." Der Prozess wird kommenden Dienstag fortgesetzt. Er ist bis Ende Oktober terminiert.

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 DER HAFTBEFEHL GEGEN YUNUS UND RIGO WURDE AM 17.12. AUFGEHOBEN!  

Der Unterstützerkreis dankt allen, die sich für Yunus und Rigo engagiert haben - den Verteidigern, den Schülerinnen und Schülern, den Lehrerinnen und Lehrern, den vielen Bürgerinnen und Bürgern aus allen Altersschichten.  

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  DISKUSSION "Ende gut. Alles gut?" Reflexionen über eine Prozess-Farce 

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