Aktuell | Aktion | Suche | Impressum
berlinonline.de, 09.09.09

Die geschulten Augen eines Polizisten
Beamter steht im Mittelpunkt des Mai-Krawall-Prozesses
Sabine Deckwerth

Er hat viel Erfahrung, der Polizeibeamte Andreas K. 38 Jahre ist er alt und seit 20 Jahren im Dienst. Seit zwei Jahren ist er Aufklärer. Das heißt, er arbeitet gemeinsam mit etwa 40 Kollegen in einer speziellen Dienststelle. Deren Mitarbeiter halten - etwa bei Demonstrationen - Ausschau nach Krawalltätern, beobachten diese, merken sich ihr Aussehen, um sie dann später festzunehmen. Krawalle an einem 1. Mai kennt Andreas K. seit 17 Jahren. Man kann also sagen, er ist ein 1.-Mai-Profi.

In dem Prozess gegen zwei Schüler, die am vergangenen 1. Mai einen Molotowcocktail auf Beamte geworfen haben sollen, ist K. einer der wichtigsten Zeugen. Die Schüler sind die Ersten, die nach einem Mai-Krawall wegen versuchten Mordes vor Gericht stehen. Der Polizist Andreas K. sagt, dass er sie beobachtet habe. Das war gegen 21.45 Uhr am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Leicht vorgebeugt hätten beide auf der Straße gestanden. Dann hat K. einen Feuerschein gesehen, eine hektische Wurfbewegung und einen Feuerschweif in der Luft. Die Flasche mit dem Brennstoff flog nicht weit und schlug ein paar Meter vor einer Polizeikette auf. Im Flug tropfte brennende Flüssigkeit auf den Rücken einer unbeteiligten jungen Frau, sie musste wegen Verbrennungen ins Krankenhaus. Andreas K. und zwei seiner Kollegen haben kurz darauf den Abiturienten Yunus K., 19 Jahre alt, und den Schüler Rigo B., 17 Jahre alt, festgenommen.

Die Schüler haben die Tat bestritten. Sie hätten nichts mit dem Molotowcocktail zu tun, haben sie gleich nach ihrer Festnahme gesagt und das auch vor Gericht wiederholt. Aus ihrer Sicht sind sie verwechselt worden. Sie waren wegen einer Demonstration in Kreuzberg, sagten sie. Sie hätten sich ein Bier gekauft und brauchten dann noch Geld, um sich etwas zu essen zu holen. Deshalb wollten sie zum Bankautomaten - und wurden vor der Sparkasse festgenommen.

Ihre Verteidiger glauben, dass die beiden nur deshalb in Haft sitzen, weil sie anderen ähnlich sahen, die vorher einen anderen Brandsatz warfen und dann wegrannten. Diese Jugendlichen sind namentlich nicht bekannt, aber es gibt Fotos von ihnen. Zwei Passanten haben die Aufnahmen gemacht und der Polizei gegeben. Die Jugendlichen auf den Fotos waren ähnlich gekleidet wie die Angeklagten, einer trug eine schwarze Hose, ein weißes T-Shirt und ein schwarzes Basecap wie der 17-jährige Rigo B.

Einiges wirft Fragen auf in diesem Prozess. So wurden keine Spuren eines Brandbeschleunigers an der Kleidung der Angeklagten gefunden, obwohl die Flasche mit dem Brennstoff sehr getropft haben soll. Ein paar Einweghandschuhe hingegen wiesen Reste von Benzin auf. Die Handschuhe lagen bei der Festnahme auf der Straße. Die Ermittler glauben, dass die Schüler sie weggeworfen haben. Diese wiederum sagen, dass die Handschuhe ihnen nicht gehörten. Die beiden sind nach dem Wurf des Brandsatzes auch nicht weggerannt, sondern nur "sehr zügig gelaufen", wie Polizist Andreas K. sagte. Und sie liefen merkwürdigerweise direkt auf eine dichte Polizeikette zu.

Es gibt keine Fotos, keine Videos als Beweise, nur die Aussagen von Zeugen. Deshalb fragt das Gericht besonders viel nach: Wie die Lichtverhältnisse waren, wer wo genau stand und in welche Richtung lief oder wie sich die Polizisten die Angeklagten in der Menschenmenge merken konnten. Der Polizeibeamte Andreas K. ist keinen Moment unsicher. "Ich kann für mich eine Verwechslung ausschließen", sagt er mit fester Stimme. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.



Zitat: "Der mit dem weißen Shirt machte eine Wurfbewegung." Zeuge Andreas K., Polizist

plakat


 DER HAFTBEFEHL GEGEN YUNUS UND RIGO WURDE AM 17.12. AUFGEHOBEN!  

Der Unterstützerkreis dankt allen, die sich für Yunus und Rigo engagiert haben - den Verteidigern, den Schülerinnen und Schülern, den Lehrerinnen und Lehrern, den vielen Bürgerinnen und Bürgern aus allen Altersschichten.  

[mehr]


  DISKUSSION "Ende gut. Alles gut?" Reflexionen über eine Prozess-Farce 

Waldorfschule Mitte, 30.01.2010 um 19:00 Uhr 

[mehr]

[alle Aktionen]

 

 POLITISCHE PROZESSE

In Berliner Gerichten häufen sich Prozesse, die kontrovers diskutiert werden. [mehr]

 

 BOOKMARKS

waldorf.net

holger-niederhausen.de

themen der zeit

derFreitag

chris

annalist

utopia: berthild lorenz

JuraBlogs - Die Welt juristischer Blogs