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Berliner Zeitung, 7.10.2009

Ein 24-jähriger Beamter soll am 1. Mai mit Pflastersteinen auf Kollegen geworfen haben

Sabine Deckwerth

Berlin - Gleich in zwei Verhandlungssälen ging es gestern im Kriminalgericht Moabit um den 1. Mai. Oben, in Saal 817 des Landgerichts, wurde das Verfahren wegen versuchten Mordes gegen zwei Schüler fortgesetzt. Zwei Etagen tiefer, in Saal 371 des Amtsgerichts, begann der Prozess gegen einen 24-jährigen Bundespolizisten wegen gefährlicher Körperverletzung und Landfriedensbruchs in einem besonders schweren Fall. Die beiden Angeklagten oben sollen einen Molotowcocktail geworfen haben, eine Passantin wurde dabei durch brennende Flüssigkeit schwer verletzt. Unten, der Bundespolizist, hat laut Anklage in der Adalbertstraße mindestens drei Pflastersteine nach Polizisten geworfen. Ein Beamter wurde an der Hand, ein anderer am Helm getroffen. Der Bundespolizist Reik L. schweigt vor Gericht. Er ist 24 Jahre alt und kommt aus Frankfurt am Main. Er arbeitete bei der Passkontrolle am dortigen Flughafen, war Beamter auf Probe. Am 1. Mai hatte er frei und einen Freund in Berlin besucht. Zusammen waren sie in Kreuzberg unterwegs. Dort wurde Reik L. von einem Kollegen beobachtet. Auch dieser arbeitet bei der Bundespolizei, auch dieser hatte dienstfrei und war mit Freunden beim Kreuzberger Myfest. Beide kannten sich aber nicht.

Kleinlaut nach der Festnahme

Der Angeklagte habe hinter ihm gestanden und auf die Beamten geworfen, sagte der 34-Jährige Michael W. gestern als Zeuge. Ganz normal gekleidet sei Reik L. gewesen, mit Jeans und Turnschuhen und Pullover. Auch L.s Begleiter soll Steine geworfen haben. „Geil, getroffen“, sollen sie auch noch gerufen haben. „Für mich schien es, dass sie genau wussten, was sie taten“, sagte Michael W. „Es war ein zielgerichtetes Handeln.“ Zunächst verlor er beide aus den Augen, dann sah er sie zufällig wieder, als er in die U-Bahn steigen wollte. Er ging ihnen nach, er rief über Handy die Polizei. Am Alexanderplatz wartete eine Polizeistreife auf Reik L.

Auch in seinen ersten Vernehmungen hatte der Bundespolizist geschwiegen. Lediglich kurz nach seiner Festnahme soll er recht kleinlaut ein paar Sätze zu einem etwa gleichaltrigen Polizisten gesagt haben: „Ich bin so blöd, dass ich das gemacht habe, ich hatte das gar nicht vor. Jetzt habe ich mir meine Zukunft versaut.“ Reik L. ist seit Mai vom Dienst suspendiert. Auch gegen seinen Freund ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Insgesamt haben die Berliner Ermittler 130 Anklagen im Zusammenhang mit den Krawallen am 1. Mai geschrieben. In zwei Verfahren geht es erstmals um Vorwürfe des versuchten Mordes. Beide Prozesse laufen noch. In einem haben zwei 19-Jährige gestanden, einen Molotowcocktail geworfen zu haben. In dem anderen bestreiten beide Angeklagte die Vorwürfe. Drei Polizisten wurden bereits als Zeugen gehört. Die Verteidiger warfen ihnen in der gestrigen Verhandlung vor, sich abgesprochen zu haben. So hätten sie in ihren ersten Aussagen teilweise etwas ganz anderes erzählt als dann vor Gericht. Es geht um Personenbeschreibungen oder die Schilderung der Örtlichkeiten. Die Polizisten hätten Absprachen getroffen, um „Unstimmigkeiten in ihrer Gesamtaussage zu beseitigen“, sagen die Anwälte.

Wegen dieses Prozesses hetzen Linksextremisten gegen Oberstaatsanwalt Ralph Knispel, der die Anklage vertritt. In einem Internetforum riefen autonome Gruppen dazu auf, den Staatsanwalt „anzugreifen, besser zu beseitigen“. „Wir wünschen ihm, dass er so endet wie KHK Uwe Lieschied an der Hasenheide“, hieß es dort. Der Kriminalhauptkommissar war 2006 in Neukölln von einem Straßenräuber erschossen worden.

Beide Schüler distanzierten sich gestern von diesem Aufruf. Er finde eine solche Drohung „empörend und erschreckend“, erklärte der 19-jährige Yunus K. Er gehöre nicht der linken Szene an und sei auch kein Sympathisant, erklärte der 17-jährige Rigo B. Besonders hart treffe ihn und seine Eltern der Verweis auf den Polizisten Lieschied. Weil eine Schwester des Ermordeten eine langjährige und enge Freundin der Familie sei. Der Prozess wird am 20. Oktober fortgesetzt.

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